Sehnsucht

                            
In dieser Winterfruehe

Wie ist mir doch zumut!

O Morgenrot, ich gluehe

Von deinem Jugendblut.

Es glueht der alte Felsen,

Und Wald und Burg zumal,

Berauschte Nebel waelzen

Sich jaeh hinab das Tal.

Mit tatenfroher Eile

Erhebt sich Geist und Sinn,

Und fluegelt goldne Pfeile

Durch alle Ferne hin.

Auf Zinnen moecht ich springen,

In alter Fuersten Schloss,

Moecht hohe Lieder singen,

Mich schwingen auf das Ross!

Und stolzen Siegeswagen

Stuerzt ich mich brausend nach,

Die Harfe wird zerschlagen,

Die nur von Liebe sprach.

Wie schwaermst du so vermessen,

Herz, hast du nicht bedacht,

Hast du mit eins vergessen,

Was dich so trunken macht?

Ach, wohl! was aus mir singet,

Ist nur der Liebe Glueck!

Die wirren Toene schlinget

Sie sanft in sich zurueck.

Was hilft, was hilft mein Sehnen?

Geliebte, waerst du hier!

In tausend Freudetraenen

Verging' die Erde mir.


[Eduard Moerike]

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