|
Manche Nacht im Mondenscheine Sitzt ein Mann von ernster Schoene, Sitzt der Magier Drakone, Auf dem Gartenhausbalkone, Mit Prinzessin Liligi; Lehrt sie allda seine Lehre Von der Erde, von dem Himmel, Von dem Traum der Elemente, Vom Geschick im Sternenkreise.
Lass es aber nun genug sein!
"Hoerst du gern das Lied vom Winde,
Singe du so heut wie gestern
"Zwischen gruenen Wasserwaenden
Und wenn oftmals auf der Hoehe
Dann, zum Spiel kristallner Glocken,
Und das Meer beginnt zu schwanken,
Also sang in Zaubertoenen
Lass es aber nun genug sein!
"Wohl! - Schon auf des Meeres Grunde
Rufen freundlich mit Verneigen:
- Sieh, da tritt vom goldnen Borde
Doch man sah nach wenig Stunden,
Also sang in Zaubertoenen
Sie erwacht zum andernmale,
Und er singt das letzte Maerchen,
Jetzo fasset er die Leiche, |
|
Des Wassermanns sein Toechterlein Tanzt auf dem Eis im Vollmondschein, Sie singt und lachet sonder Scheu Wohl an des Fischers Haus vorbei.
"Ich bin die Jungfer Binsefuss,
Gelt, Fischermatz? gelt, alter Tropf,
Drum haeng ich ihr, zum Hochzeitstrauss,
Ade, mein Kind! Ade fuer heut! |
|
Auf dem Hahnenbuehel stand in uralten Zeiten die Burg eines Riesen, der der Schrecken der Gegend war. Die Menschen mussten ihm alljaehrlich Vieh und Getreide zinsen, soviel er fuer sich brauchte, und das war nicht wenig.
Da kam einmal ein Bursche nach Berg, der sagte ganz keck, er wolle das Land von dem Riesen befreien. Weil man ihm nicht glaubte, wettete er um ein Fass Bier.
Wie nun wieder der Tag herankam, an dem man dem Riesen das verlangte Vieh liefern musste, liess sich der mutige Kerl in eine Ochsenhaut einnaehen und vor das Schloss legen. Der Riese dachte, das sei der ihm gebuehrende Frass und zog den vermeintlichen Ochsen in seine Burg hinein.
Als er nun nachts schlief, schnitt der Bursche die Naht auf und kroch aus der Haut heraus. Neugierig ging er in dem Schloss umher und entdeckte in einem Zimmer eine grosse Zahl gefangener Maedchen.
Eine von ihnen erzaehlte ihm, dass man dem Riesen mit gewoehnlichen Waffen nichts anhaben koenne, denn er trage das Herz nicht im Leibe. Das sei in einer Maus verborgen, die in der Burgmauer hause. Die koenne man aber in seine Gewalt bekommen, wenn man in der Johannisnacht dreimal um die Burg herumgehe und rufe: "Maeuslein, Maeuslein, zeige dich!" Dann werde eine Maus hervorkommen, und die sei das verzauberte Herz des Riesen.
Da verliess der Bursche eilig das Schloss und wartete daheim einige Tage bis die Johannisnacht herangekommen war. Nun nahm er eine grosse Wolldecke und ging in die Burg. Als auf seinen Ruf wirklich ein Maeuslein aus der Mauer kroch, warf er schnell eine Decke darauf und fing es so. Er steckte es in die Tasche und hielt es darin mit der Hand fest. Dann schlich er wieder in die Burg.
Dort fand er den Riesen schlafend. Er kitzelte ihn un stiess ihn so lange mit dem Fuss, bis er erwachte. Der fuhr gleich wuetend in die Hoehe und wollte das armselige Menschlein zwischen den Fingern zerdruecken. Doch da nahm der Bursche die Maus aus der Tasche und quetschte ihr fest den Hals zusammen. Alsbald konnte der Riese keinen Atem mehr fangen und sank ohnmaechtig zu Boden. Erst als der Bursche der Maus wieder ein wenig Luft liess, kam er wieder zu sich.
Jetzt verspottete er den Riesen, dass er trotz seiner Staerke ihm doch nichts anhaben koennte, und als sich der wuetend auf ihn stuerzen wollte, da drueckte er unbarmherzig der Maus den Kragen zusammen, dass sie verendete. In demselben Augenblick stuerzte der Riese tot darnieder.
Alle Gefangenen waren nun erloest, und ganz Bergreichenstein warf sich dem mutigen Befreier jubelnd und voll Dank zu Fuessen. Die Riesenburg aber verfiel. Noch heute sieht man die Ruinen von dem Felsennest. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Auf dem Juettelberg hauste ein Geschlecht wilder, verwegener Riesen. Sie waren ein Schrecken fuer die Gegend.
Wenn die Leute in die Kirche gingen, laermten sie wie von allen Teufeln besessen. Als einmal die Gemeinde am Allerheiligenabend zur Allerseelenandacht auf dem Friedhofe fuer die Verstorbenen bei den mit Kraenzen und brennenden Kerzen geschmueckten Graebern beteten und ein Armenseelenlied sangen, trieben es die gottlosen Riesen besonders teuflisch. Sie hatten eine Kegelbahn angelegt, auf welcher sie mit goldenen Kegeln und Kugeln sich die Zeit vertrieben. An jenem Abend schrien und tobten und fluchten sie gotteserbaermlich, dass der Spektakel und Hoellenlaerm bis ins Dorf schallte und die Andacht der Betenden sehr gestoert wurde. Auf einmal erschuetterte ein Donnerschlag den Berg und da war es ploetzlich auf dem Juettelberge totenstill. Die Erde hatte sich unter dem Donnerschlag geoeffnet und hatte Riesen und Kegelbahn verschlungen. Viele haben seitdem auf dem Juettelberg nach diesem Golde gegraben. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Der Hehmann ist ein Wald- und Flurdaemon. Einzeln oder in Gruppen rast die Gestalt durch die Waelder. Auf dem Kopf tragen die Hehmaenner schwarze Sturmhuete. Wutverzerrt, das Messer in der Hand, toben sie dem Frevler nach, der es gewagt hat, ihren Ruf: "Hei, hei" oder "Hoi, hoi" nachzuahmen. Sie verfolgen den Fluechtenden bis an das Haus. Oft findet man ihre Opfer erwuergt im Wald. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Oberpfalz, Franken, Bayern bis nach Oesterreich. In Boehmen und Maehren, in den undurchdringlichen Waeldern des Kubany, in Oesterreichisch-Schlesien, besonders jedoch im Egerland und im Boehmerwald hat man intensiv vom Hehmann erzaehlt und sogar an die Realitaet der Gestalt geglaubt. Oft bedienten sich Jagdaufseher, Foerster, Heger und Paechter dieses Volksglaubens. Sie vermummten sich, liessen die Rufe hoeren, um Holzdiebe zu schrecken. So entstanden wiederum neue Sagengruppen. Den Ruf des Hehmannes erklaert man mit dem eigentuemlichen Schrei des Ziegenmelkers, eines scheuen Waldvogels.
Er laeuft immer nach einer Richtung und schreit, auch bei Tage, in langgezogenen Toenen "hei, hei!" in Wald und Feld. Wer ihn schon so nahe hoert, dass er ihm nicht mehr ausweichen kann, der muss sich, wenn es moeglich ist, zwischen die Geleise eines Wagens flach auf den Bauch legen. Dann hat der Hehmann keine Macht ueber ihn.
Sein Bart ist von Moos struppig, sein Gesicht "kasweiss". Manchmal steht er stille, sieht sich um und laeuft nach einer anderen Richtung, aber immer schnurgerade weiter. Sein besonderer Aufenthalt ist der Wald um "Heiligen". In der Heiligenmuehle lebte einmal ein Sonderling. So oft er von Tachau in der Nacht heimging, kam vom Waldhange herab der Hehmann. Zumeist begegneten sie sich auf der Bruecke. Keiner wollte da ausweichen. Dann rauften sie sich. Sieger war der Hehmann und der Mueller flog ins Wasser. So oft ihn der Mueller sah, rief er: "Hout di denn das hoellisch Taixl scho wieder dou?". Ein Lachen des Hehmanns war stets die Antwort darauf. Als der Mueller starb, schaute der Hehmann zum Fenster hinein. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Es sind kaum fuenfzig Jahre her, als in den meisten Bezirken Oesterreichisch-Schlesiens und des Boehmerwaldes zur Herbstzeit des Abends noch Feuermaenner gesehen wurden. Die Art und Weise ihrer Erscheinung war verschieden.
Bisweilen zeigte er sich in der Gestalt eines gewoehnlichen Menschen, nur etwas geschwaerzt im Gesichte und mit feurigen Augen. Mitunter trug er in der Hand eine Laterne, mit der er etwas zu suchen schien. Ein anderesmal glich er einem Totengerippe, in dessen Inneren eine Feuerflamme brannte. In Altrothwasser bei Weidenau wurde er als brennende Strohschuette gesehen. In Niederwalde bei Jauernig nahm er die Gestalt eines etwa eine Klafter hohen, ziemlich dicken Rindes an, aus dessen Rippen es herauszubrennen schien.
Die Bewegungen dieser Feuermaenner waren sehr schnell, in kurzer Zeit vermochten sie bedeutende Strecken zurueckzulegen. Jetzt ist nur noch wenig von den Feuermaennern zu hoeren. Nach dem Volksglauben sind es Leute, die zu Lebzeiten die Grenzsteine verrueckten und zur Strafe dafuer in den eben erwaehnten Gestalten umherirren muessen. Sie schaden nur den Boesen, indem sie dieselben auf Abwege und in Suempfe fuehren. Den Guten leuchten sie an finsteren Abenden gerufen und ungerufen nach Hause. Ein andaechtiges Vaterunser waehrend des Geleites gebetet, auch ein "Vergelt's Gott!" oder "Bezahl's Gott!" kann sie erloesen, und dann sind sie, sagt man, des Dankes voll und entfernen sich. Sie gehen aber auch nicht frueher ab, als bis sie diesen Dank erhalten haben. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Als es in Boehmen und Maehren noch viele umfangreiche Fischteiche gab, hatten in Brunnen und Baechen und in diesen Teichen Wassermaenner mit ihren Familien ihren Sitz aufgeschlagen. Sie galten als Nachkoemmlinge der verstorbenen Engel, die anstatt in die Hoelle in das Wasser gesprungen seien. Von den anderen Landesbewohnern unterschieden sie sich dadurch, dass sie von kleiner Statur, ungefaehr von der Groesse eines zwoelf- bis vierzehnjaehrigen Kindes waren. An ihren Kleidern hatten sie einen drei Finger breiten, nassen Saum. Der Aelteste von ihnen zeichnete sich noch durch ein gruenes Roeckchen, eine gelbe Hose und ein rotes Kaeppchen mit gruener Braeme aus.
Ihre Wohnungen am Grunde der Teiche waren gross und schoen, mit praechtigen Gaerten umgeben, darinnen auf Baeumen goldene Fruechte hingen, von denen sie bisweilen eine mitteilten, der das Glueck hatte, an irgend einem Tage an den Teichen vorueber zu gehen.
In die Wohnungen hinab fuehren Stiegen. Und wollte einer der Wassermaenner hinein, so schlug er mit einer Rute dreimal auf das Wasser, worauf die Stiegen sichtbar wurden. Sie fuehrten zunaechst zu einem kunstreich gearbeiteten Tore, das sich ohne Schwierigkeiten oeffnen liess.
An den Teichen liegende Wiesen wurden nicht selten mit Waesche zum Bleichen und Trocknen bedeckt gefunden, was oft Veranlassung gab, dass Hirten, die in der Naehe ihrer Herden weideten, mit Steinen oder Erdkloessen darauf warfen und dafuer einen derben Fluch vom Aeltesten der Wasserbevoelkerung zu hoeren bekamen.
Mit den Bewohnern nahe gelegener Ortschaften standen sie insofern in Verkehr, als sie ihren gesamten Nahrungsbedarf: Brot, Fleisch, Gemuese usw. von ihnen bezogen. Auch an den Tanzunterhaltungen derselben sollen sie haeufig teilgenommen haben. Allgemein glaubte man, Wassermaenner koennten nur mit dem Baste gewisser Baeume gefesselt und bewaeltigt werden. Am Heiligen Abend gab der Mueller des Ortes dem Wassermanne, der sich im Bache aufhielt, von den Speisen seines Tisches, damit er ihm im Laufe des Jahres das Wehr nicht durchbreche. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Es war einmal ein armes Dienstmaedchen, das musste jeden Tag von der Morgenfruehe bis tief in die Nacht arbeiten. Manchmal goennte es sich nach seiner schweren Arbeit einen Spaziergang um einen grossen Teich.
In dem Teich hauste aber ein boesartiger Wassermann, der schon viele Menschen in seine nasse Wohnung gezogen hatte. Einmal wagte das Maedchen, in dem Weiher zu baden. Da glitt auch schon der Wassermann durch die Flut, packte das Maedchen an den Fuessen und zog es in die Tiefe seiner Wohnung.
Hier musste sie als seine Dienstmagd das Haus versorgen. Der Wassermann befahl ihr: "Du hast jeden MOrgen sauber die Stuben zu kehren! Den Kehrschmutz in die hintere Ecke!" Dann fuegte er drohend hinzu: "Bei deinem Leben! Wage es niemals, die hintere Kammer zu betreten, wenn ich manchmal ausser Haus bin!"
Das Dienstmaedchen hatte aufmerksam zugehoert. Still und fleissig verrichtete sie ihren Dienst. Von Tag zu Tag wuchs jedoch ihre Neugier, was sich wohl hinter der Tuere der geheimnisvollen Kammer verbergen wuerde. Als der Wassermann wieder einmal sein Haus verlassen hatte, schloss sie die Tuer auf und schritt ueber die Schwelle. Ihr Herz klopfte laut, als sie ein grosses Gestell an der Wand, mit umgestuerzten Toepfen darauf erblickte. "Was mag sich unter diesen Toepfen befinden?" dachte das Maedchen. Und schon war sie an das Gestell herangetreten und hatte einen der Toepfe aufgehoben. "Vergelte es dir Gott" wisperte eine zarte Stimme, und ein weisser Schatten schwebte aus dem Topf. Jetzt wusste die Jungfrau, dass dies die Seele eines Ertrunkenen war. Schnell entschlossen hob sie auch die uebrigen Toepfe, und jedesmal dankte ihr die Seele eines Ertrunkenen.
Nun wusste das Maedchen, dass es sofort fliehen musste. Hastig raffte sie Kehrschmutz aus der Ecke in ihre Schuerze und eilte auf einer schlammigen Treppe aus dem Haus nach oben in die Freiheit.
Da kam auch schon der Wassermann angeschwommen und wollte sie greifen. Aber es war zu spaet. - Das Maedchen hatte das rettende Ufer erreicht. Zornig hob er die Faust aus dem Wasser, schuettelte sie und bruellte: "Du wirst deinem Schicksal nicht entgehen, einmal werde ich dich fassen!"
Das Maedchen eilte ihrem Heimatdorf zu. Dabei wurde ihre Schuerze immer schwerer. Da glaenzte es wie die Sonne, und das Maedchen erkannte, dass aus dem Kehrricht Gold geworden war.
Nun war das Dienstmaedchen reich. Sie kaufte einen Bauernhof und heiratete einen Bauernburschen. Ihre Grossmutter hatte ihr einen guten Rat gegeben: "Meide jedes noch so kleine Gewaesser!" Die junge Frau befolgte diesen Rat. Aber eines Tages sollte sich doch ihr Schicksal erfuellen. Man fand sie, mit dem Kopf in einer Regenpfuetze liegend, tot auf. Der Wassermann hatte doch einen Weg gefunden, sich zu raechen. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Ein fremder Kaufmann kam nach Venedig und wollte dort ein riesengrosses Haus bauen. Damit wollte er alle einheimischen Kaufleute uebertrumpfen.
Das Bauen ist aber in Venedig nicht so einfach. Die Stadt liegt mitten im Meer, und es muessen erst viele Eichenstaemme in den Schlamm und Morast gerammt werden, bis man einen trockenen Boden unter den Fuessen bekommt. Nach einem Jahr war der Baugrund fertig, und er war so gross, wie man in Venedig noch keinen gesehen hatte.
Der fremde Kaufmann hatte sich aber schoen in seinen eigenen Finger geschnitten, denn der Untergrund allein hatte soviel Geld verschlungen, dass er an den eigentlichen Hausbau gar nicht mehr denken konnte. Was war da zu tun? Wenn die Sache herauskommt, wird man ihn auslachen. Er wird als Aufschneider dastehen und fuer den teuren Baugrund nur einen Pappenstiel kriegen. Ganz niedergeschlagen sass er in der Mittagssonne auf einem Balken und waere am liebsten ins Wasser gegangen.
Wie er so wie ein Haeuflein Elend vor sich hinbruetete, kam ein altes Weiblein hergehumpelt und fragte ihn, was ihm fehle. Da klagte der Kaufmann sein Leid. "Wenn sonst nichts ist", sagte die Alte, "aus der Patsche kann ich Euch helfen!" Und sie fragte ihn, ob er denn noch so viel Geld habe, um sich eine einzige Schindel vergolden zu lassen. "Das bin ich noch imstande", sagte der Kaufmann. "Gut", sagte die Alte, "lasst eine Schindel vergolden und haengt sie auf eine lange Stange auf. Wenn die Leute vorbeigehen und Euch fragen, was das bedeuten soll, dann sagt ihnen, Ihr wollt nur sehen, wie spaeter das Dach in der Sonne funkeln wird!"
Der Kaufmann hat es genau so gemacht. wie das alte Weiblein ihm geraten hat. Das gab ein Stadtgespraech und die Venediger Kaufleute waeren bald geplatzt vor Wut und Neid. "Der hergelaufene Sakermeter muss ja Geld wie Heu haben, der wird uns alle ruinieren!" riefen sie. Und sie setzten sich zusammen und beratschlagten. Und sie gingen zu dem Fremden, taten recht schoen mit ihm und boten ihm schliesslich den doppelten Kaufpreis fuer den Baugrund an, wenn er Venedig verliesse und sich anderswo ein Haus baue.
Ihr koennt euch denken, wie der Fremde den Handel gleich einging und wie gerne er die Stadt verliess, in der einem das Geld wegschwimmt, wie die Silberfischlein im Bach. Die Kaufleute schenkten den Baugrund ihrer Heimatstadt, und das ist der heutige Markusplatz. Und wer es nicht glauben will, der fahre hin und sehe sich den grossen Platz an, auf dem so viele Tauben herumfliegen, wie der hoffaertige Kaufmann dereinst Eichenstaemme ins Meer rammen liess. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Ein Bauer aus Hesselsdorf hatte sich mit einem Venediger angefreundet. Der Venediger wohnte bei ihm und zahlte gut fuer sein Quartier und fuer die Bewirtung. An einem Winterabend erzaehlte er von seiner Heimatstadt Venedig. "Da moechte ich auch einmal hinfahren, wenn es nicht so weit waere. Das dauert ja ein Jahr, bis man wieder zurueckkommt." sagter der Bauer. "Und ausserdem ist es tiefer Winter, bei dem meterhohen Schnee wuerden wir nicht weit kommen."
Da sprach der Venediger: "Wenn es nur das ist, da kann ich schon was machen."
Und der Venediger forderte den Bauern auf, mit ihm vor das Haus zu gehen. Dort breitete er ein Tuch aus, und sprach: "Nun komm schon auf das Tuch und habe keine Angst." Der Bauer stellte sich neben dem Venediger auf das Tuch, und im Nu erhoben sie sich in die Luft. Es dauerte nur eine kurze Weile, da standen sie vor einem Palast in Venedig. Der Venediger sagte: "Das ist mein Haus. Hast du mich ein ganzes Jahr so gut bewirtet, so bist du jetzt mein Gast. Komm nur rein." Der Bauer folgte ihm, und sie verbrachten einige schoene Stunden bei einem guten Mahl, und sie tranken dabei den besten Wein. Danach wollte der Bauer wieder schnell nach Hause. Er sagte: "Ich muss das Vieh fuettern, es wird bald Morgen." Nach einer neuen Luftreise auf dem Tuch langten sie wieder wohlbehalten in Hesselsdorf an. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Die Venusleute unterscheiden sich von den Bergmaennlein durch eine etwas groessere Koerpergestalt, obwohl auch sie die Groesse eines Menschen nicht erreichen.
Sie leben gesellschaftlich, doch nicht wie die Bergmaennlein in den Bergen oder grossen Waeldern, sondern mehr in Gebueschen, im Inneren wintelner Anhoehen und Felsenhuegeln.
Mit den Umwohnern treten sie, besonders die Venusweibchen, in vielfachen Verkehr und erweisen sich denselben, namentlich den Hirten, dienstbar. Sie befreien diese von koerperlichen Uebeln und Leiden mit wunderbaren Heilmitteln, die sie ihnen geben. Nicht selten fanden Kuhhirten des Morgens frischgebackene Kuchen. Anstandslos assen sie dieselben, und sie schadeten ihnen nicht.
Auch sah man oefter fruehzeitig wunderschoene weisse Tuecher, Kleider und Waesche teils auf dem Boden ausgebreitet, teils an die Aeste der Baeume geschlungen. Bei Sonnenaufgang waren diese Sachen verschwunden. Kein Mensch hat je freventlich die Hand nach denselben ausgestreckt.
Beim Dorfe Pittarn steht auf einem bewaldeten Berge ein grosser Felsen, zu dessen Spitze Stufen fuehren. In diesem Felsen ist eine Hoehle, die ziemlich umfangreich sein mag. Der Felsen heisst allgemein der Venusstein. Die Sage bezeichnet ihn als Wohnsitz der Venusweibchen, welches kleine, sehr schoene Wesen sind. Diese schieben waehrend des Tages Kegel mit goldenen Kegeln und Kugeln; nur des Nachts gehen sie bis auf eine gewisse Entfernung aus dem Felsen heraus. Wen sie da treffen, den ueberreden sie mit lockenden Worten, ihnen in die Felsenhoehle zu folgen. Wer sich gutwillig bewegen laesst, sie hineinzubegleiten, sieht sich bald von einer Menge Venusleuten umgeben, die ihm drei Fragen vorlegen. Beantwortet er dieselben richtig, so wird er wieder fortgelassen und mit neun goldenen Kugeln und eben so vielen Kegeln beschenkt. Gibt er keine entsprechenden Antworten, so wird auch er zu einem Venusmaennchen oder Venusweibchen und muss bei ihnen bleiben. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
| Im Egerland, im Boehmerwald, dem Pfraumberger Waldgebiet und bei Haid glaubte man an die Trud, auch Alp genannt. Ihr Schicksall oder das daemonische Wirken des Teufels haben sie dazu bestimmt, dass sie in der Nacht ihre Mitmenschen druecken muessen. Oft waren es Fehler, die bei der Taufe begangen wurden, die ein armes Menschenkind zum druecken fuehrten. Die im Schlaf Gedrueckten hoeren gewoehnlich vorher die Tuer knarren; sie sehen auch ein daemonisches Wesen mit funkelnden Augen und verkrallten Haenden heranschleichen. Aber sie koennen nicht schreien, ja sie koennen sich ueberhaupt nicht bewegen. Sobald sie das koennen, ist das Druecken vorbei. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Ein Jaeger in Weidenau wurde allnaechtlich vom Alpdruecken gequaelt. Er erzaehlte dies einst seinen Freunden, und diese rieten ihm, um von dieser Plage erloest zu werden, das naechstemal dem Alp etwas zu versprechen. Als in der folgenden Nacht der Alp sich wieder ueber ihn legte, versprach er ihm ein kleines Brot, und auf der Stelle liess der Druck nach. Tags darauf kam ein altes Weib aus dem nahen Dorfe zu ihm ins Zimmer und blieb stehen, ohne ein Wort zu sprechen. Der Jaeger fragte das Weibchen, was es wolle. Er erhielt aber keine Antwort. Da sagte der Jaeger: "Ach, nun merke ich, was du willst! Du bist sicherlich mein Alp und willst das versprochene Brot haben." Das Weib nickte bejahend. Der Jaeger reichte ihr nun das Brot und jagte sie mit einem Besen hinaus. Von dieser Zeit an drueckte ihn der Alp nicht mehr. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]
|
Ein junger Mann, der eine huebsche Landwirtschaft besass, heiratete ein Bauernmaedchen, das das leidige Schicksal hatte, das Alpdruecken jede Nacht treiben zu muessen. Vor der Vermaehlung war ihm das unbekannt geblieben; denn die Braut fuehtle kein Interresse, es ihm mitzuteilen. Auch nach der Verheiratung blieb sie verschwiegen. Aber der junge Mann nahm mit Befremden wahr, dass sein Weib jede Nacht um die zwoelfte Stunde aus ihrem Bette verschwinde. Dies wunderte ihn je laenger, je mehr. All sein Sinnen und Nachdenken fuehre ihn jedoch auf keine sichere Spur.
Da stellte er sich einmal des Nachts, als sie wieder fort war, bei Mondschein ans Fenster und wartete gedankenvoll auf ihre Wiederkehr. Nach laengerem Warten bemerkte er endlich, dass sie vom Tore her ueber den Hof geschritten kam. Nach ihrem Eintreten in die Stube fragte er sie mit Entschiedenheit und Ernst, wo sich sich doch alle Naechte herumtreibe.
Sie erschrak ueber diese Frage und gestand ihm ihr Schicksal. Schmeichelnd und um Nachsicht bittend sagte sie, dass es sie unwiderstehlich treibe, jede Nacht das Alpdruecken zu ueben. Sie wandle daher allemal um die Mitternachtsstunde bis zu einer Birke an der Grenze der Wirtschaft, diesen Baum muesse sie wie ein Alp druecken. Ohne das koenne sie keine Ruhe finden.
Gut, dachte der Bauer, wenn dies ein unvermeidliches Beduerfnis ist, so will ich Rat schaffen; ich werde die Birke absaegen und in den Hof bringen lassen, dann braucht sie nicht erst eine weite Strecke zu gehen. Das tat er schon am folgenden Tage; allein damit war seinem Weibe nicht geholfen. Solange der Stock der Birke noch stand, musste sie den Stock besuchen, um ihre Bestimmung zu erfuellen.
Als dies dem Mann kund wurde, beschloss er, auch den Stock hereinschaffen zu lassen. Dadurch wurde dem Weibe wenigstens eine Linderung verschafft. Allein damit noch nicht zufrieden, kam der Mann auf den Gedanken, den Stock voellig zu vernichten, weil dann das unsinnige Treiben ganz aufhoeren muesse.
Er befahl daher, den Stock in kleine Stuecke zu zerspalten und dann zu Asche zu verbrennen. Alsbald wurde sein Weib krank und starb. |
[Maerchen und Sagen der Deutschen aus Boehmen und Maehren]